Durch die Minen von MORIA

Der letzte Tag, an einem gleichzeitig fremden und vertrauten Ort, ist jedes einzelne Mal wieder etwas Besonderes. Der Railay Beach ist und war so ein Ort für mich, und ich hatte mich zu verabschieden. Natürlich hatte ich Großes vor…wie immer. Also machte ich mich daran, den Rucksack zu packen, und endlich mit Kletterschuhen nach Boulderrouten zu suchen. Verschiedene Dinge hatten mich über die Tage dort vom richtigen Klettern abgehalten…naja hauptsächlich ein Ding: Angst 😀 Ich konnte nicht einschätzen, wie gut ich schon war, und ob ich mein Leben in die Hände eines Kletterlehrers vor Ort legen sollte, die ich jede Nacht betrunken in der immer selben Bar vortraf. Die Überlegungen waren noch nicht zu Ende, der Urlaub dort jedoch schon…also hatte ich keine andere Wahl, als es selbst zu versuchen 🙂 Dieser letzte Tag, hatte etwas Magisches. Ich lief den Küstenpfad entlang und kannte schon jedes Restaurant, jede Bar, den Ladyboy, der die Boottickets verkaufte, die alte Frau, die ihren Lebenstraum mit dem kleinen Laden erfüllt hatte und trotz fehlender Zähne besser Englisch sprach, als die meisten Thais, die ich bisher getroffen hatte. Die letzte Kokosnuss schmeckte unglaublich…das letzte cashew-chicken-curry ebenfalls. In meinem geliebten, winzigen Sitzrestaurant, in dem immer drei Songs rauf und runter gespielt wurden 🙂 wish you were here, way back into love und I´m yours. Vielsagend…darüber nachzudenken hätte aber meine Stimmung getrübt, und deshalb konzentrierte ich mich aufs Genießen. Der Weg nach dem Essen, vorbei an den Tropfsteinfelsen zu dem schönsten Strand, den ich kenne, war an diesem Tag irgendwie anders. Ich atmete, roch und spürte bewusster…war stolz auf mich, jetzt auf die Suche zu gehen. Als der Kerl vom Touriladen am Anfang des Weges ein paar unfassbar laute Böller zündete, um  die frechen Affen zu verscheuchen blieb mir deshalb auch wirklich kurz das Herz stehen 😀 Ihm hab ich mit meiner Reaktion den Lachanfall des Tages beschert, und mir ist dadurch erst mal alles in den Matsch gefallen 😀 Ich lief also gemeinsam mit den Affen weiter, unter den Felsen hindurch, an den Gebetsteinen vorbei…immer den glitzernden Sonnenstrahlen entgegen. Je heller es wurde, desto aufgeregter war ich. Als sich vor mir der Strand auftat, leuchteten die hohen Felsen rot in der Sonne. Das Meer war wild, hohe Wellen, Getöse und schäumende Gischt brachen sich an den Steinwänden. Alles glitzerte wie tausend Zaphire und verliebte Paare lagen unter den auf den Strand ragenden, verworren gewachsenen Bäumen. Ich war so glücklich, dass ich mich erst mal hinsetzen und das alles auf mich einwirken lassen musste. Die Erkenntnis, warum ich immer so pur wahrnehme, wenn etwas droht zu verschwinden, entzieht sich mir völlig. Allerdings ist es besser, es so zu können, als gar nicht. Irgendwann stand ich endlich in voller Montur (Männershorts und Kletterschuhe), vor der Felswand, die in beide Richtungen 100 Meter am Strand entlang reichte, und von der ich wusste, dass sie zu bezwingen war. Ich hatte schon drei Tage zuvor einen Kerl auf eigene Faust dort bouldern sehen und wollte jetzt entdecken, was in mir steckt. Mit Erinnerungen im Hinterkopf, wie das zu funktionieren hat (erst dran hängen, dann Kraft aus den Beinen holen, nie höher als vier Meter), hängte ich mich knapp über dem Boden wie ein Affe an die Wand. Es war furchtbar anstrengend 😀 Aber mit der Zeit und den Stunden, hatte ich fast den ganzen Fels hin und her geschafft und schaute zu meiner Überraschung auf einmal von sieben Metern über ziemlich viele Felsvorprünge nach unten. Nicht so gut, hab ich mir gedacht 😀 Aber die Aussicht übers Meer war der Wahnsinn. Das Gefühl, ewas geschafft zu haben, vor dem man sich fürchtete…das ist glaub ich mit keinem Geld der Welt zu kaufen. Man ist es nur selbst, der einem das schenken kann…und es ist jedes Mal ein Sieg über so viele selbst erbaute Grenzen. Nachdem ich ein paar Mal abgerutsch war, und natürlich viel zu viel Kraft aus den Armen geholt hatte, war ich wieder so weit über dem Boden, dass ich drei Meter nach unten in den Sand springen konnte. Der Fels sah danach für mich ganz anders aus. Ich kannte Stellen, die mir vorher nicht mal aufgefallen wären…sah Dinge, die sich sonst meiner Aufmerksamkeit entzogen hätten. Alles war auf einmal ein Abenteuerspielplatz. Routen, Farben, Neigungen, Trittsteige. Die Abenddämmerung machte sich breit und das Farbenspiel noch interessanter. Ich ließ Sach und Pack einfach unter meinem psychodelischen neuen Tuch liegen und rannte wie wild geworden auf das Meer zu. Es waren fast keine anderen Menschen mehr zu sehen, nur vereinzelte Paare und Mädels, die an den Felsen gelehnt, in ihr Tagebuch schrieben. Die See war so laut und schnell, dass mit der Gedanke kam, da rein zu gehen, wenn es dunkel wurde, war jetzt nicht die beste Idee. Aber der verflog ziemlich schnell, mit dem Gegenargument in meinem Kopf, dass ich ja nicht unterwegs bin, um immer und immer wieder ganz deutsch auf Nummer Sicher zu gehen. Mittlerweile war von der Sonne nur noch ein roter Streifen am Meereshorizont zu sehen und die Dunkelheit hüllte sich um alles, was vorher farbig war. Ich rannte im Meer wie gegen eine hohe Wand. Die Wellen waren so hoch, dass sie mich zwei Mal überragten und peitschten einem jeden Gedanken aus dem Gesicht. Das war mein Element. Ich rannte immer wieder gegen die Wellen, durch das lebendige, schäumende Wasser, von dem ich wusste, dass es so weit reicht, wie es meine Vorstellung nicht mal erfassen kann. In dem so viel lebt, dass nicht mal der Mensch es vollends erforschen kann. Mein Weg führte mich die ganze Küste entlang…bis hin zu einem jähen Ende des Strandes. Hier war es ruhig. Ein sehr komisches Gefühl. Von rechts kam das Meer, genauso wie von vorne. Nur dass jenes lebendige Getöse fast verschluckt wurde, durch ein vollkommen still stehendes Meer von rechts. Das stand ich also und war völlig geplättet von meiner Fähigkeit, mich in Naturgewalten wieder zu erkennen. Ich sang lauthals in die Nacht hinein…in die Stille, sowie in die Wildnis. Alles war Teil von mir, alles hatte Platz in mir. Still stehende Gewässer genauso, wie wild gewordene Urgewalten, die mich mitzureißen drohten. Ist es nicht das Mensch sein im Allgemeinen, das sich hier wiederspiegelte? Gehört es nicht zu unserem alltäglichen Kampf sich von der erotischen Anziehungskraft der Wildheit, nicht abzuwenden, und ihr doch nicht zu gehören? Mit solchen Gedanken und Liedern im Kopf schlenderte ich nun nur noch mit den Füßen im Wasser den Weg zurück. Als sich vor mir nun der Fels auftat, mit neuem Licht, einer anderen Perspektive, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Ich fühlte mich wie in den Universen versetzt. Die Felsen sahen so bedrohlich und so wunderschön aus, als würde ich mich gerade durch die Minen von Moria bewegen. Es war laut und unheimlich, gleichzeitig literarisch und wie gemacht für die größten und ehrwürdigsten Phantasien dieser Erde. Der Schatten des knorrigen ersten Baumes warf so ein riesiges Bild auf die sich vor mir abzeichnende Leinwand, als würde ein Balrog gerade vor meinen Augen aus der Unterwelt gekrochen kommen. Ein kleines, vom Anblick gefesseltes Wesen stand mit offenem Mund vor dem riesigen Felsen in der Nacht und konnte ihr Glück, mal so etwas gesehen und gespürt zu haben nicht begreifen. Sich loszureißen, war nicht leicht. Aber als ich die besorgten Blicke eines übrig gebliebenen Pärchens unter der Laterne in meine Richtung sah, dachte ich mir, es ist wohl Zeit aufzuhören, sich in die Fluten zu schmeißen 😀 Der Heimweg war lustig. Von allen Seiten hörte ich meinen Namen. Viele kannten mich mittlerweile und wünschten mir eine gute Reise, luden mich noch auf einen Kurzen ein oder wollten unbedingt nochmal von einer verheirateten Frau abgewürgt werden 🙂 Als ich den letzten kurz vor meinem Bungalow abgeschüttelt hatte, kam von meiner gegenüberliegenden Nachbarin leise aus der Dunkelheit die Frage, ob ich Lust hatte, mit ihr einen Wein zu trinken und übers Leben zu philosophieren. Na da war ich die richtige Person an diesem Tag 🙂 Wir redeten vier Stunden unaufhörlich über richtig und falsch des Liebens, über Freiheit und Pflicht, über Thailand, das Reisen und das Leben selbst. Und eines ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Wenn es eine Pflicht gibt, die unweigerlich zu allem führt, das wir uns erträumen, dann ist es die, glücklich zu sein. Und um das zu erreichen, darf die Begeisterung, das offene Auge, das nicht zweifelnde Herz und die wahre Liebe zu uns selbst und zu unseren Nächsten niemals aufhören, das wichtigste zu sein. Solli Fri

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