Beiträge mit dem Schlagwort: Queenstown

Crashkurs Leben

Ja und dann war ich also dort. An dem Ort an dem ich alt werden möchte. Queenstown. Das Erste was passierte war, dass ich Chrisy an ihrem Hostel absetzte und mir einbildete super nach drei Tagen Bus vorwärts statt rückwärts einparken zu können. Pustekuchen, es handelte sich bei dem Fahrzeug nämlich tatsächlich um kein kompaktes Modell. Es war ein Ford Econoline, also so massig wie irgend möglich mit einem normalen B-Führerschein. Da kann man den Hintern schon Mal unterschätzen bei der visuellen Abmessung vom Wendekreis. Naja und bei der ersten Gelegenheit, die sich mir bot, mein neues wunderschönes Zuhause in eine Parklücke zu befördern, riss ich dabei den kompletten Frontspoiler eines kleinen City Cruisers mit. Ich rannte super schockiert ins Hostel um den Menschen zu finden, dem das Auto gehörte. Es fand sich auch schnell eine junge, blonde, deutsche! Frau, die erst einmal beunruhigende 15 Minuten vor sich hin starrend im Gras sitzend verbrachte, bis sie ansprechbar war. Wie sich heraus stellte, war sie seit ein paar Monaten auf Reisen in Neuseeland und hatte mit diesem hier den dritten Unfall in Folge bei der selben Mietwagenagentur. Und weil sie die Versicherungsunterlagen nicht verstand, war ihre Kreditkarte schon auf 11000 Euro in den Miesen. Ja, leid tat mir das. Aber ich dachte mir, sie müsste ja nur das Auto bei der Agentur tauschen und den Rest würde dann meine Versicherung übernehmen, die ich ja thanks to myself abgeschlossen hatte. 60 Minuten später und kein bisschen klüger saß ich immernoch mit ihr auf dem selben Rasen und mir rauchte der Schädel, weil es ein ganz neues Level an Englischkenntnissen erforderte, über eine so lange Zeit mit einer neuseeländischen Roboterstimme über die Schadensbedingungen zu verhandeln. Ich hoffte, es wäre Alles so angekommen, wie es war, allerdings hätte es auch sein können, dass ich gerade eine Millionen Euro in ein Staubsauger Startup investiert hatte. Ich hatte keine Ahnung, was genau jetzt zu tun war. Drei geschlagene Stunden und vier Anrufe später, hatten wir Email-Adressen ausgetauscht, eine Schadensnummer und das Versprechen, dass ich eine bestimmte ID bekommen und an den Unfallpartner weiter verschicken konnte, mit der dieser sich dann wiederum bei meiner Versicherung das Geld anfordern würde. Ich habe dies zwei Monate später, als die ID endlich ankam, auch ganz brav umgesetzt, allerdings bekam ich nie wieder eine Antwort. Ich hoffe ihr geht es gut, der Frau mit dem wahnsinnigen Kreditrahmen. Ganz ehrlich, damit könnte ich nicht umgehen, wenn ich gerade auf Reisen wäre – eher würde mir für ein paar Monate die Welt zu Füßen liegen und danach würde ich sechs Jahre dafür büßen müssen.

Eine Woche verbrachte ich damit, an einem abgelegenen Parkplatz unter hohen Bäumen am Lake Wakatipu zu übernachten, die ersten Gedichte meines Lebens zu verfassen und mich immernoch über mein Gefährt zu freuen. Ich hatte eine zweite Autobatterie, an der ich alle Geräte wie Kamera, Tastatur, Tablet und leider kein Outdoorhandy mehr (das war mir tatsächlich beim Duschen in Christchurch unter dem Hostelkopfkissen weg geklaut worden) Tag und Nacht aufladen konnte und durch diese selbst nach einer ganzen Nacht im Bus unter laufender Musik und brennenden Lichtern der Motor am nächsten Morgen noch ansprang. Oft skypte ich morgends beim Bus-Frühstück mit dem Nino und wir machten ganze Heldenreisen zusammen, indem wir miteinander kochten, Sport machten, heulten, stritten, lachten und philosophierten. Ich liebte diese Normalität, die wir trotz der Entfernung aufrecht erhalten konnten, aber wusste auch, dass es die richtige Entscheidung war, diese Erfahrung zu teilen. Denn wer weiß nicht, was Zeit, Nachdenken, Reisen und weit entfernte Orte für Veränderungen im eigenen Wesen hervorrufen können. Eine so entscheidende Entwicklung alleine zu vollziehen, hätte auf Dauer auch einen Keil ins junge Paradies getrieben. Und doch war ich dankbar dafür, ein paar dieser Erkenntnisse mit mir alleine sammeln zu dürfen. Denn ich war es, der ich mich stellen wollte.

Eines Abends bekam ich Nachbarn. Ein ebenso geiler Bus mit zwei 20-jährigen Kifferchen richtete sich neben mir ein. Wir machten uns abends zusammen Burger an meiner Outdoor-Küche und redeten ein bisschen übers Leben. Sie erzählten mir, dass sie laut ihren Eltern zu Hause in Deutschland verloren gegangen wären. Die Welt zu brutal, die Chefs zu streng, das Licht zu grell und die Aufgaben zu schwierig. Sie waren Freunde von Kindheitsbeinen an und hatten jede Entwicklung gemeinsam vollzogen. Gemeinsam Abi gemacht, gemeinsam die Ausbildung geschmissen, gemeinsam die Wohnung vermüllt und gemeinsam glücklich bekifft die Tage verschlafen. In der Welt draußen gab es nichts, was sie angezogen hätte, um sich dafür aus dem Schlummerland heraus zu begeben. Und dann sei ein Wunder geschehen. Statt den Geldhahn zu zu drehen, haben sich die befreundeten Familien zusammen gesetzt und ihnen ein Angebot unterbreitet. Sie gaben ihnen 20000 Euro mit der Bedingung, dass sie auf einem anderen Kontinent verprasst werden sollten. Und wenn das Geld ausging, egal wann dies sein würde, mussten sie versprechen sich insofern zusammen zu reißen, dass sie sich beruflich entwickelten. Sie schlugen ein. Logisch, so stell ich mir Eltern vor. Ich fragte sie, ob sich etwas verändert hätte und sie strahlten mich an. „Das ist ganz komisch. Zu Hause ging es uns immer darum, einen weiteren Tag in Deutschland zu überstehen. Und hier springen wir teilweise morgens um acht aus dem Bett und schreien uns gegenseitig euphorisch ins Gesicht: Ein neuer Tag in Neuseeland Mann!“ Wir lachten und gingen gemeinsam in die Innenstadt um einen Cider zu trinken und Chrisy zu treffen. Durch tausend Laternen, vorbei an dem schönen Platz vor dem See in eine Bar voller tanzender Touris, die hier in Neuseeland irgendwie keine Touris waren. Es ist ein Ort, an dem fügt man sich ein. Ich gehe mal davon aus, dass es auch ein bisschen daran liegt, dass zwei Welten aufeinander prallten. Die ursprüngliche mystische der Ureinwohner auf die sortierte und geregelte der englischen Conquerer, welche zugegebenermaßen den Großteil ausmachte. Wir Westler waren hier alle Besucher, selbst die Neuseeländer. Und gleichzeitig hatte dies den Effekt, vielleicht weil die Eroberung eines der einzigen Male vertraglich von Statten ging, also ohne Blut vergießen, dass jeder hier irgendwie innerhalb kürzester Zeit zu Hause war. Fast so, als wäre ein einziger Ort durch diese Insel erschaffen worden, an dem jeder zum durchatmen zu Hause sein konnte. Kein fieses Tier (ok außer Sandflies), kein zu hartes Wetter, nichts was dir schaden möchte – nur Freiheit, Entwicklung, Luft und Raum. Ich ging kurz während des Feierns vor die Tür und setzte mich auf eine romantische Bank zwischen zwei Laternen, um mit glänzenden Augen über den ruhigen See zu blicken und tief zu atmen. Ich legte den Kopf in den Nacken, wieder umgeben von funkelnden Sternen, rauchte in die Nachtluft und war einfach. Ich war einfach. Es war alles gut, endlich alles gut. Ich war gut, die Welt war gut und die Möglichkeiten unerschöpflich. Sollifri

Kategorien: Heimat, Neuseeland | Schlagwörter: , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Fließen wie das Leben

Es klingt so einfach, und wenn man es mal begriffen hat, ist es das auch. Die Bedeutung von ALLEM ändert sich in dem Augenblick, in dem man sich erlaubt einfach mal zu sein. Was dafür nötig ist, bleibt Typ-Sache. In meinem Fall war es der Ort. Mein Vater meinte immer, es müsse durch Stille und Einsamkeit geschehen. Doch im Laufe meines Lebens begriff ich, dass es für jeden Menschen anders von Statten geht und selbst diese pathetischen Worte wie „Stille“ und „Einsamkeit“ subjektiv eine eigene Sinnhaftigkeit besitzen.

Als ich an meinem ersten „wirklichen“ Neuseeland-Morgen erwachte, stand die Welt still. Vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben. Es war ein erregendes, bewegendes und waches Leben gewesen, das ich bisher geführt hatte. Und doch rasend. Nicht jede Emotion, die es verdient gehabt hätte, wurde tiefergehend empfunden. Nicht jeder Moment sich entsprechend gewürdigt. Nicht jede Erkenntnis war von Dauer, wie sie es das Recht gehabt hätte zu sein. Ich schlief in meiner ersten Bus-Nacht wie ein Baby. Und zwar wortwörtlich, denn es gibt eine unvergleichliche Geborgenheit, als Erwachsener sein ganzes Sein für einen Augenblick selbst zu bestimmen. Alles an dieser Lebensart stimmte mich euphorisch. Ich baute happy mein Bett im hinteren Teil des geräumigen Busses aus gut justierten Brettern zusammen, und wieder auseinander zu einer quer angebrachten Sitzgelegenheit mit Tisch in der Mitte. Genauso happy stand ich bei strömendem Regen unter dem langen Kofferraumdeckel und studierte die Gasflasche, welche mit zwei Herdplatten auf der genau richtigen Höhe verbunden war, erkannte wie man den Wasserkanister benutzte und begutachtete jegliches im Auto verstautes Campingutensil. Sogar eine behelfsmäßige Außendusche konnte ich finden, und Grillmaterial. Am „happiesten“ jedoch, war ich bei der piniblen Begutachtung des Außen-Graffities meiner neuen Wohnung, die mal mehr, mal weniger künstlerisch vollkommen stimmig auf mich wirkte und viel Raum für Interpretationen ließ. Auf der Rückseite stand in großen weißen Lettern das Wort „Kotahitanga“, nach etwas Recherche bekam ich heraus, dass es so etwas wie Gemeinsamkeit, Solidarität, collective action bedeutete. Ebenso, war es der Begriff, welcher im 19. Jahrhundert von der Maori-Gemeinde für eine Bewegung verwendet wurde, welche ein Self-Government und eine national Unity among all Maoris erreichen wollte. Ich liebte sie, die Maori. Alleine schon für dieses Wort. Es ist eine Sprache, die wild und gleichzeitig melodisch klang. Wild und melodisch, das war es, was ich als lebendig empfand. Als ich an diesem Tag den Schlüssel im Schloss drehte und den Motor meiner fahrenden Heimat hörte, war ich spätestend hin und weg von diesem Lebensentwurf. Wenn ich heute daran zurück denke, ist das Gefühl immer noch das Gleiche. So fühlt sich für mich bis heute der Augenblick an, in dem man auf ewig verweilen könnte – weil man nur auf sich selbst zurück geworfen das Leben fließen lässt.

Das Erste was mir auf meiner völlig freien, ziellosen Losfahrt auffiel, waren die unglaublichen Farben dieses Landes. Das zweite war der Raum. Egal wo man hinschaute, waren die Farben satter, fokussierter und hatten Platz um zu leuchten. So wenig gab es, was das Auge beschränkte. Und somit das Denken. Ich vergaß zu rauchen, Musik aufzudrehen, zu essen – der Bus fuhr mich durch ein Paradies und ich wuchs mit jedem Meter in dieses Gefühl hinein, dass es für mich nur in Neuseeland zu finden gibt. Ich brauchte nichts. Und in diesem Augenblick tauchte eine Löwenmähne vor mir auf. Die 25jährige Chrisy war von Kopf bis Fuß in Farben gehüllt. Ihre blonden Locken standen in alle Richtungen und die braunen Arme und Beine waren sanft und leicht in bunte Tücher gehüllt. Sie hatte den Daumen heraus gestreckt und nachdem mein Bus mir ja gesagt hatte, dass er für Gemeinsame Aktionen gebaut wurde, hielt ich natürlich. Wer würde auch so einer weisen uralten Seele wiedersprechen. Es war eine Worktravellerin, die sich in der Zeit verschätzt hatte und jetzt schnell von ihrem Ausflug zu einem Kerl in der oberen Region der Südinsel zurück nach Queenstown musste, da sie übermorgen für die Küche eines Restaurants im Dienstplan stand. Queenstown wurde mir von der vorherigen Busbesitzerin als die Stadt angepriesen, in der es den besten Burger der Welt geben sollte. Und da ich mir fest vorgenommen hatte, ohne Reiseführer und vom Wind getragen durch dieses Land zu „Gummitrampen“, kam mir ein erster Anreiz sehr gelegen.

Die zweite Nacht in meiner Graffity-Residenz verbrachte ich also schon mit einer schönen, mir fremden Frau, mit der es sich hervorragend kichern ließ. Wir erzählten uns eigentlich zwei Tage durchgehend nur die witzigen Geschichten aus unseren Reisen und das war eine feierliche Abwechlung zu dem sonst doch sehr monotonen, da gleichen Themen, mit neuen Reisebekanntschaften. Wir waren innerhalb von 30 Minuten so vertraute Bus-Buddies, dass es sich anfühlte, als wäre es so gedacht gewesen. Ob der Bus dabei seine Finger im Spiel hatte? Die Fahrt bis nach Queenstown, dauerte insgesamt um die 6 Stunden, und da ich Chrisy am ersten Tag (meine Busbesichtigung verlief in Zeitlupe) erst spät aufgesammelt hatte, kamen wir dort erst nach einer Übernachtung am nächsten Tag um die Mittagszeit an. Wir frühstückten Rührei und Tee, lachten immernoch alle fünf Minuten und fuhren dann mit lauter Rockmusik singend in dieser Stadt ein. Innerhalb der ersten 10 Minuten wusste ich schon, dass dies der Ort war, an dem ich alt werden wollte. Man kam von einer sich schon ewig schlängelnden Straße von einer Erhöhung in das Zentrum, das sich nach wenigen Minuten schon wie ein verzaubertes Tal von den Augen entfaltete. Eine kleine, mit tausend Laternen beleuchtete, eigensinnig gebaute Kleinstadt, welche sich insgesamt von allen hohen und kleinen Gebäuden aus auf den großen Lake Wakapitu auszurichten schien. Und falls ich bisher von den Farben dieses Fantasie-Landes begeistert war, konnte dieses Wasser eigentlich nicht von meinem, sich an die bekannte Realität klammernden, Verstandes begriffen werden. Es war ein so unglaublich blaues Wasser, wie ich es bisher nur von Bob Ross Bildern kannte. Ein Stein gewordenes Gemälde, welches nun für uns frei gegeben wurde, um hinter die Leinwand zu blicken. Einen Fuß in die noch nicht getrockneten Farben zu setzen. Mit jedem Meter hatte ich Angst, dass die Reifen meines Kotahitanga einfach in Ölfarbe versinken könnten. Ich war in dem Paradies angekommen, dass Robin Williams sich von seiner Frau in „Hinter dem Horizont“ hatte malen lassen. Sollifri

Kategorien: Heimat, Neuseeland | Schlagwörter: , , , , , , | 4 Kommentare

Bloggen auf WordPress.com.

Things I Like...

Wanna change the world? Choose wisely...

Lieder und ihre Geschichten

Ein Blogprojekt von Carmen Eder

WordPress.com News

The latest news on WordPress.com and the WordPress community.